Die Sucht und Lust am Provozieren....
Homer hat mich immer um ein Vielfaches geschlagen, wenn es darum ging, irgendwo im Internet aus Foren rausgeschmissen zu werden.
Das ist bemerkenswert, denn mir passierte und passiert das ständig. Obwohl ich gar nichts mache.
Aber Homer legte es darauf an. Es war eine Art Sport für ihn. Er schrieb oft irgendwas, wo er gar nicht hinter stand, nur um die Leute zu reizen und zu triggern.
Dann spekulierten wir, wie die Frau die er mit "Kackstelze" angesprochen hatte...einfach so, oder dem aufgeblähten Typen, der seine Beiträge superwichtig nahm, mit einem Satz in Frage stellte und alles Geschriebene als Bullshit aussehen lies, reagieren würden.
Die Leute wurden stinkwütend. Beschimpften meinen Homer. Es gab Rudelhatzen.
Anfangs konnte ich das gar nicht mit ansehen und habe mich immer für ihn in die Bresche geschlagen. Aber er lachte sich darüber kaputt - also, über Reaktionen der Leute - nicht über mich.
Mich versuchte er auch öfters zu provozieren. Aber erfolglos.
Weil ich damit eine 60 jährige Erfahrung hatte. Meine Mutter war genauso.
Sie provozierte auch jeden. Hauptsache sie konnte Widerspruch leisten. Leider hatte sie deswegen nicht viele wirkliche Freunde.
Ich kann sehr gut kontern. Homer und ich mussten dann beide lachen. Ich weiss, er liebte mich deswegen. Wir hatten beide viel Humor...
Homer und meine Mutter waren erst vorsichtig, aber als sie sich besser kannten sassen wir oft beim Tee bei meinen Eltern und meine Mutter und Homer provozierten sich gegenseitig, um dann im Höchform ihre provokanten Thesen argumentativ zu verteidigen. Sie stritten nicht böse, aber beide wären excellente Rechtsanwälte gewesen....
Mein Vater und ich guckten uns dann immer nur an. Wir kamen bei diesen nachmittaglichen "Teepartys" gar nicht mehr zu Wort. Meistens hatte mein Vater sowieso immer irgendwelche Computerprobleme, wo ich ihm helfen musste....
Wenn wir allein waren sagte er manchmal, dass ich bei meiner Partnerwahl nicht ihn, sondern meine Mutter als Vorbild genommen habe.
Ich glaube, ein bisschen hatte meinen Vater das gewurmt. Aber er hatte recht. Homers Art war mir so vertraut und ich fühlte mich sicher und wohl mit Homer.
Die cholerische chaotische Art meines Vaters akzeptierte ich und ich liebte meinen Vater, aber so jemanden als Partner zu haben, wäre mit mir nicht gut gegangen.
Ich bin nicht cholerisch, aber chaotisch.....
Da war Homer mit seinen klaren Strukturen, wie meine Mutter, besser für mich.
Wenn mein Vater und ich mit den Computerproblemen fertig waren, hatten Homer und meine Mutter schon die dritte Kanne Tee geleert und waren immer noch am debattieren :-)
Niemand kann sich vorstellen, wie ich DAS im JETZT vermisse.
Diese Gespräche voller Anregungen.
Im JETZT ist es so mit Menschen, dass Menschen sich sofort zurückziehen - mich ghosten - wenn ich mal eine andere Meinung habe.
Alles blöde Luschen. Ich bin so eine richtige Misanthropin geworden und denke mich oft in Homer und meine Mutter hinein und provoziere die Menschen in meiner Umgebung genauso wie sie es getan hätten.
Dabei spüre ich Kraft und Wut. Das müssen beide gefühlt haben.
Das ist nicht schlecht, aber Freunde macht man sich damit nicht.
Wobei ich gar nicht weiss, ob ich das will. Ich kann mir Mühe geben, aber die meisten Menschen wollen mehr als "dass ich mir Mühe gebe", was ich auch verstehe. Aber mehr ist einfach nicht drin und ich vermute, das wird sich nicht ändern.
Zu sehr bin ich verletzt, zerstört und desillusioniert vom Leben und den Menschen, nachdem was mit Homer passiert ist und auch wegen dem wie mit mir umgegangen wurde nach seinem Tod......
Das ist nicht mehr gut zu machen oder zu heilen. So bin ich JETZT.
Mittlerweile habe ich mich schon so dran gewöhnt allein zu sein, mit niemanden als der Kassierin im Supermarkt einmal die Woche, die Tafelleute und ab und an meiner Hausärtzin und Praxisteam zu reden. Meine Tage sind vollgestopft mit Aufgaben. Da passt irgendwie auch niemand mehr mit rein.
Schon Mailkontakte bringen mich aus meinem Rhythmus und ich schaffe nicht, was ich mir vorgenommen habe. Worüber ich unzufrieden bin. Ich versuche nicht so hart gegen mich zu sein, da ich Mailkontakte auch geniesse. Nur, ich habe halt meine Prioritäten...und wer weiss wie konstant der jeweilige Mailkontakt ist? Meine Ziele dagegen sind verlässlich und unwiderruflich.
Diese Lust an der Provokation von seinen Mitmenschen, im Internet und auch real, könnte ein Grund sein, warum Homer nicht mehr lebt.
Allein bei FB hatte er über 1000 Leute blockiert. Die haben irgendwas gesagt, er hat sie verbal schachmatt gesetzt, und sie sind wütend geworden, haben ihn angegriffen. Dann hat er sie kurzer Hand eliminiert, wenn es ihm zu bunt (im wahrsten Sinne des Wortes) wurde.
Real war es nicht anders. Ein Schlachfeld um uns herum.
Wenn er so guckte, dann war wieder jemand dran - das war sein Provokationsblick...
Wir hatten nur uns.
Natürlich hatte Homer keine anderen Menschen neben sich geduldet in unserer Beziehung (außer meine Eltern). Er tat in der Hinsicht das was "Narzissten" zugeschrieben wird. Aber für mich war DAS nicht schlimm. Ich habe ausdrücklich darunter NICHT gelitten.
Jetzt tut es mir leid, dass ich meine ehemaligen Freundschaften (vor Homer) nicht doch ein bisschen gepflegt habe. Viele leben aber sowieso nicht mehr.Und es hätte während der Beziehung mit Homer nur Stress gegeben, wenn ich noch andere Leute freundschaftlich getroffen hätte. Das Bedürfnis bei mir war auch nicht vorhanden in den 16 Jahren, die ich mit Homer zusammen war.
In seinen Büchern - insbesondere "Die Steinzeitfrau damals und heute" - provoziert er seine Leser mit fast jedem Satz - letztendlich auch seine Geschlechtsgenossen, die er alle als Weicheier darstellt.
Wenn ich in seinem Buch HEUTE lese, so nicke ich ständig und sage: "Ja, genau so ist es". Damals als er es schrieb und heraus brachte, hatte wir deswegen einen von unseren drei richtigen Streits in den 16 Jahren unserer Beziehung (Siehe "Streitpunkte").
Homer hat es ein bisschen übertrieben mit den Provokationen, einerseits, andrerseits konnte er es sich auch leisten - genau wie meine Mutter. Wenn Homer oder meine Mutter etwas taten, dann machten sie es richtig und zuende.
Im Gegensatz zu mir und meinem Vater. Wir hatten immer überall angefangene Baustellen von Projekten, wo wir mit Elan begonnen hatten, aber dann das Interesse verloren. D.h. so ein Überlegenheitsgefühl über andere Menschen kam bei uns nicht auf, dass wir glaubten provozieren zu müssen.
Ich versuche im JETZT so wie Homer und meine Mutter, meine Ziele zu verfolgen. Ich beginne nichts mehr und hinterlasse keine Baustellen - wenn etwas nicht funktioniert streiche ich es komplett und lasse es nicht für "Irgendwann später" liegen. Denn "irgendwann später" wird es nicht mehr geben. Entweder ich schaffe etwas im JETZT oder gar nicht.
Wenn ich in dieser Art denke, werden Kommunikationen mit mir von meinen Mitmenschen fast immer als provokant empfunden, wenn sie etwas von mir wissen wollen. Das wird mir klar gespiegelt.
Aber ich scheiss drauf......
Auf mich hat niemand Rücksicht genommen, warum sollte ich es jetzt bei anderen Menschen tun?
"Die halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge!"
Quentin Average in "Die Sünden von Natchez" von Greg Illes
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Diesen Blog gibt es jetzt, wie versprochen, auch mit sehr großer Schrift (schwarz auf weissen Hintergrund) mit einem geordneten Inhaltsverzeichnis unter:
"Mutmaßlich - Protokolle über den Tod meines Partners".
Unsere LEBENS- und Liebes-Geschichte in Bildern und Filmen findet Ihr im You-Tube-Kanal, meines Partners, den ich nach seinem Willen weiter gestalten werde:
Mein Mausebär und ich...der Anfang
2018 - Benthe - Sealife - Zuhause
2018 - Autofahrt durch Hannover
2018 - Balkonien - Im Bärlauchwald - Geburtstagsfeier - Kalle Pe
2018 - Anti - Zoo - Hannover Besuch
2018 - Ausklang - Endzeitbeginn




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